Fängt ein Zahnimplantat wirklich an zu korrodieren, wenn man fluoridhaltige Zahnpasta benutzt?
«Swissdent-Werbeaussage unter der Lupe: Fluorid und Implantatkorrosion»
Die Zahnpflegeherstellerin Swissdent weist in Inseraten darauf hin, dass fluoridhaltige Zahnpastas Risiken für Titan-Implantate darstellen. Die Aussage hat in Fachkreisen und bei Dental-Patienten für Verunsicherung gesorgt. Dieser Bericht analysiert die wissenschaftliche Grundlage der Werbeaussage und prüft ihre Relevanz und Plausibilität im Praxiskontext.

Marketing vs. Wissenschaft:
Die Swissdent-Formulierung «…weil Fluorid zur Korrosion der Implantatlegierungen – Titan – führen kann» ist irreführend. Denn die Werbeaussage verschweigt entscheidende Randbedingungen (pH-Wert, Konzentration, Kontaktzeit) und reduziert eine komplexe Thematik auf eine plakative Kausalkette.
Analogie: Ähnlich wie die Aussage «Wasser kann tödlich sein» zwar grundsätzlich stimmt, aber ohne Kontext irreführend wirkt, ist auch die Aussage zum Fluorid zu bewerten.
Titan und Titanlegierungen
Titan und Titanlegierungen (wie sie für Implantate genutzt werden) sind im Normalfall sehr korrosionsbeständig, weil sich sofort eine stabile Titanoxid-Schutzschicht bildet.
Fluoridionen können diese Oxidschicht auflösen – aber nur, wenn gleichzeitig ein saurer pH-Wert (z. B. pH < 5) vorliegt.
In neutralen oder leicht basischen Bedingungen (wie bei den meisten Standardzahnpasten) passiert praktisch nichts.
Was bedeutet das für Implantate?
Normale Zahnpasten mit ~1.000–1.500 ppm Fluorid, die pH-neutral sind, greifen Titanimplantate nicht merklich an.
Problematisch können hochkonzentrierte Fluoridgele (z. B. 5.000 ppm für Kariesprophylaxe) oder säurehaltige Mundspüllösungen sein, wenn sie lange einwirken.
Auch bei Patienten mit stark saurem Speichel (Reflux, viel Cola, Bulimie) kann Fluorid die Titanoberfläche schneller beschädigen, da die Schutzschicht dann leichter angegriffen wird.
Wissenschaftlicher Hintergrund:
Fluorid und Titan-Korrosion
Ja, Fluorid kann unter bestimmten Bedingungen zur Korrosion von Titanlegierungen beitragen. Aber…
nur in sehr speziellen Situationen!
Wesentliche Randbedingungen: Entscheidend für das Risiko sind: Saurer pH-Wert (<5): Korrosive Effekte treten fast ausschliesslich in stark saurer Umgebung auf. Zahnpasten sind jedoch in der Regel pH-neutral oder leicht basisch.
Hohe Fluorid-Konzentrationen: Die für die Korrosion notwendigen Konzentrationen liegen weit über dem, was in handelsüblichen Zahnpasten enthalten ist.
Lange Expositionszeit: Wissenschaftliche Untersuchungen sprechen von stundenlanger bis tagelanger Kontaktzeit. Beim normalen Zähneputzen beträgt die Einwirkdauer wenige Minuten.
Die Chemie dahinter
1. Titanimplantate im Normalzustand
- Titan (Ti) reagiert mit Sauerstoff aus Luft oder Wasser sofort zu Titanoxid (TiO₂).
- – Diese TiO₂-Schicht ist nur wenige Nanometer dick, aber extrem stabil und dicht – sie schützt das darunterliegende Metall vor Korrosion.
- Bei neutralem pH ist TiO₂ praktisch unlöslich.
2. Was macht Fluorid?
- Fluoridionen (F⁻) allein greifen TiO₂ kaum an – sie „sitzen“ nur in der Lösung.
- In saurer Umgebung (H⁺-Ionen vorhanden) wandelt sich Fluorid zu Fluorwasserstoff (HF) oder zu „HF-ähnlichen“ komplexen Ionen.
- HF ist ein berüchtigtes Glasätzmittel – und es löst auch TiO₂ sehr schnell.
3. Die Reaktion (vereinfacht):
- Das TiO₂ reagiert mit Fluorwasserstoff zu einem wasserlöslichen Titan-Hexafluorid-Komplex [TiF_6]^{2-}.
- Die schützende Oxidschicht verschwindet → das blanke Titan liegt frei.
4. Warum der pH entscheidend ist
- Bei pH ~7 gibt es kaum freie H⁺-Ionen → HF bildet sich praktisch nicht → keine Reaktion.
- Bei pH <5 steigt der HF-Anteil stark → TiO₂ wird chemisch „weggeätzt“.
- Je niedriger der pH und je höher der Fluoridgehalt, desto schneller läuft die Reaktion.
5. Sichtbare Folgen am Implantat
- Matte oder verfärbte Oberfläche
- Rauere Struktur (unter dem Mikroskop)
- in extremen Fällen: Titan-Korrosion, Festigkeitsverlust
Praxisempfehlung:
Bei normalen Zahnpasten → kein relevantes Risiko für Implantate.
Bei hochkonzentrierten Fluoridpräparaten → pH prüfen und nur kurz anwenden, danach gründlich ausspülen.
Fazit
Die Werbeaussage der Zahnpasta-Firma Swissdent ist irreführend und kann Patientinnen und Patienten verunsichern und dazu führen, dass sie auf Fluorid verzichten – und damit auf einen der wichtigsten Inhaltsstoffe zur Kariesprophylaxe.
Empfehlung: Patientinnen und Patienten sollten sich an die Empfehlungen zahnmedizinischer Fachgesellschaften halten und weiterhin fluoridhaltige Zahnpasten verwenden, sofern keine medizinischen Gründe dagegensprechen.
Weitere Beiträge zum Thema Florid: (Warum) Brauchen unsere Zähne Fluorid? – Swissdentalnews.com
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