Seit einem halben Jahr führt Andrea Rytz das ZZM, Zentrum für Zahnmedizin der Universität Zürich. Im Interview spricht die neue CEO über Führung, interne Kritik, die Lehren aus den vergangenen Turbulenzen und darüber, warum das ZZM weniger Papier und mehr positive Unternehmungsstruktur braucht.
Andrea Rytz, Sie sind seit knapp einem halbe Jahr CEO des ZZM. Wie fühlt sich diese Rolle an?
Sehr positiv. Die Aufgabe ist anspruchsvoll, aber genau das macht sie reizvoll. Ich habe gemerkt, dass ich Zahnärzte und Zahnärztinnen mag, das wusste ich vorher nicht. Hier arbeite mit hochspezialisierten Fachpersonen zusammen, die präzise arbeiten und eine grosse Leidenschaft für ihr Fach mitbringen. Diese Kombination schafft ein Umfeld, in dem man viel bewegen kann.
Sie sagen, Sie arbeiten gerne mit Zahnärztinnen und Zahnärzten. Was zeichnet diese Berufsgruppe aus? Was zeichnet sie aus, Ihrer Meinung nach?
Präzision, natürlich. Gleichzeitig spüre ich eine starke intrinsische Motivation. Viele wollen nicht einfach behandeln, sondern konstant besser werden. Dieser Anspruch an sich selbst prägt die Zusammenarbeit.
Sie haben ein dreiköpfiges Führungsteam. Wie funktioniert das zusammen?
Wir ergänzen uns sehr gut. Beatrice Müller verantwortet Finanzen und Administration, Mutlu Özcan steht für Forschung und die zahnmedizinische Fachlichkeit, und ich bringe Struktur und eine vorwärtsgerichtete Perspektive ein. Dass wir drei Frauen sind, ist vielleicht ein Zufall – aber entscheidend ist, dass wir echte Menschen sind, die gut miteinander können und gemeinsam zielbewusst vorangehen.
Wie würden Sie Ihren eigenen Führungsstil beschreiben?
Ich bin jemand, der Komplexität und Strukturen rasch erfassen kann. Ich erkenne Schwachstellen in Systemen schnell und entwickle pragmatische Lösungsansätze. Vor allem aber bin ich immer vorwärtsgerichtet. Alte Geschichten interessieren mich nicht – ich bin nicht da, um schmutzige Wäsche zu waschen. Mich interessiert: Was sind unsere Stärken? Warum braucht es uns in Zukunft? Wohin wollen wir dieses Schiff lenken?
Das ZZM stand in den letzten Jahren vermehrt in der Kritik. Es ging um Klinikleiter die Abrechnungen gesteuert haben, oder, jüngstes Beispiel vom letzten Jahr, die schweren Vorwürfe die gegen den Klinikleiter der Klinik für Allgemein-, Behinderten- und Seniorenzahnmedizin, Professor Murali Srinivasan erhoben wurden. Genannt wurden hygienische Missstände, etwa Mäuse in Behandlungsräumen oder der Einsatz von abgelaufenem Material. Zudem äusserten Studierende Kritik an der Betriebskultur, bis hin zu geschilderten Aussagen wie «Ich bin Gott, du bist nichts». Wie ordnen Sie diese Vorwürfe ein?
Das ist eine furchtbare Situation für alle Beteiligten – besonders für das betroffene Individuum, das in den Medien als Sinnbild für eine schlechte Führungskultur dargestellt wird. Man muss da ein dickes Fell haben.
Anstelle der Probleme intern zu diskutieren, landeten sie in dem Fall aufgebauscht in der Boulvardpresse, kann man das so sagen? Wie gehen Sie mit solchen Situationen um, gerade wenn sie öffentlich eskalieren, das muss für die betroffenen Person sicher sehr belastend sein?
Ja das ist so. Eine solche mediale Dynamik ist für die betroffene Person extrem belastend. Wenn jemand über längere Zeit im öffentlichen Fokus steht und mit schweren Vorwürfen konfrontiert wird, betrifft das nicht nur die berufliche Rolle, sondern die Person insgesamt. Umso wichtiger ist eine saubere Prüfung der Vorwürfe.
Die Resultate der externen Untersuchungskommission liegen nun vor. Was zeigen sie?
Dass sich die diversen Vorwürfe, die gegen ZZM-Angehörige erhoben wurden, nicht erhärtet haben.
War die interne Kommunikation aus Ihrer Sicht ungenügend?
Definitiv, da gibt es Verbesserungspotenzial.
Was haben Sie strukturell verändert, damit interne Unzufriedenheit nicht wieder den Weg zu den Medien findet?
Wir haben daran gearbeitet, klare und vertrauenswürdige interne Kanäle zu schaffen. Denn wenn Kritik direkt an die Medien gelangt, zeigt das, dass Vertrauen in interne Prozesse fehlt. Genau dort setzen wir an. Gleichzeitig zeigt der Fall, wie wichtig funktionierende interne Kommunikationswege sind. Studierende und Mitarbeitende müssen Kritik adressieren können, und zwar so, dass sie geprüft werden kann. Transparenz ist hier entscheidend.
Sie beschreiben sich selbst als Leaderin und jemand, der Strukturen schnell erfasst. Wo setzen Sie aktuell die grössten Hebel an?
Bei den Prozessen, insbesondere im Materialbereich. Die Zahnmedizin ist stark materialgetrieben. Hier gibt es Effizienzpotenzial, etwa bei der Standardisierung von Instrumentensets oder bei der Bündelung von Beschaffung. Das wirkt sich direkt auf Kosten und Abläufe aus.
Wie stark belastet die Administration den klinischen Alltag?
Aktuell stark. Viele Prozesse sind noch papierbasiert, inklusive Krankengeschichten. Das bindet Ressourcen.
Also eine der modernsten zahnmedizinischen Universitäten der Welt, führend auf dem Bereich der Digital Dentistry erfasst die Patientendaten noch analog?
Ja das ist aktuell so. Unser Ziel ist eine konsequente Digitalisierung. Weniger Administration bedeutet mehr Zeit für Patientinnen und Patienten.
Orientieren Sie sich an anderen Universitäten?
Das machen wir tatsächlich. Der Austausch mit Bern und Basel funktioniert gut. Basel ist bei einzelnen Prozessen weiter, etwa bei der Standardisierung. Solche Ansätze prüfen wir und adaptieren sie, wo sinnvoll. Für die gute Zusammenarbeit mit Basel sind wir auch sehr dankbar, hier haben wir viele wertvolle Einsichten bekommen.
Sie haben auch einen gemeinsamen Zweck-Prozess angestossen – was steckt dahinter?
Ich bin in die Kliniken gegangen und habe gefragt, wer Lust hat, gemeinsam mit der Geschäftsleitung den Purpose des ZZM zu erarbeiten. Denn der Purpose gehört nicht der Geschäftsleitung – er gehört uns allen. Über 50 Personen haben sich freiwillig gemeldet. Allein diese Tatsache schafft unglaublich viel Positivität und Nähe. Sie können Kultur nicht diktieren. Sie können Führungsgrundsätze aufschreiben – aber wenn die Menschen sie nicht verstehen und nicht mitgemacht haben, bleiben es leere Worte.
Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial im Betrieb?
Im Materialprozess zum Beispiel. Die Zahnmedizin ist eine intensive Materialschlacht – unzählige Einzelinstrumente, Implantate, Brücken. Da gibt es noch viel Optimierungspotenzial. Wir schauen uns an, welche Instrumentensets wirklich gebraucht werden, ob jeder seinen eigenen persönlich beschrifteten Tray braucht – wahrscheinlich nicht. Die Universität Basel ist uns hier bereits ein Schritt voraus. Ausserdem sind wir noch sehr papierlastig. Alle Krankengeschichten laufen heute auf Papier. In einem Jahr wollen wir deutlich weiter sein.
Wie führen Sie persönlich im Alltag? Sind Sie präsent in den Kliniken?
Zu Beginn war ich bewusst viel vor Ort, um Abläufe zu verstehen. Heute bin ich stärker in strategische Themen eingebunden. Trotzdem bleibe ich ansprechbar. Wenn jemand ein Anliegen hat, an meine Türe klopft, nehme ich mir Zeit.
Zum Schluss: Was ist Ihre Vision für das ZZM?
Wir bilden den Zahnarzt von morgen aus – für Patienten aus allen Kulturen, auf Weltklasseniveau. Das wird uns auch immer wieder attestiert: Wir haben gerade einen Platz nach vorne gemacht und liegen weltweit auf Rang sieben. Diesen Stolz möchte ich wieder omnipräsenter machen. Aber – und das ist mir wichtig – Stolz darf nicht in Arroganz umschlagen.
Andrea Rytz CEO ZZM Uni Zürich im Podcast



