Bruxismus (Zähneknirschen) ist eine psychosomatische Folge von extremem Stress oder Trauma
Schmerzhafte Kieferschmerzen am Morgen, verspannte Nackenmuskeln oder abgeflachte Zahnkronen – das Kausystem ist eines der primären Ventile für den Abbau von psychischer Spannung. Dr. Marion Venus, klinische Psychologin und Traumatherapeutin, erklärt im Podcast die Zusammenhänge zwischen mentalem Stress und dentalen Beschwerden.
Bruxismus, Stress und Trauma
Marion Venus, Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 10 bis 30 Prozent der Bevölkerung regelmässig mit den Zähnen knirschen oder pressen. Was passiert dabei aus psychologischer Sicht im Körper?
Dr. Marion Venus: Das Kausystem steht in einer ganz engen Verbindung zu unserem emotionalen Zentrum. Wir müssen verstehen: Bruxismus ist eine rein psychosomatische Folge von extremem Stress oder tiefen Traumata. Genau wie sich psychische Belastungen bei vielen Menschen in jahrelangen, chronischen Nacken- und Schulterverspannungen äussern, so sucht sich die extreme innere Anspannung beim Zähneknirschen ihr Ventil im Mundraum. Der Körper nutzt die enorme Kraft des Kiefers, um den blockierten seelischen Druck buchstäblich ‚rauszulassen‘. Das passiert insbesondere in der Nacht, wenn das Bewusstsein die Kontrolle abgibt und das Nervensystem versucht, die Erlebnisse des Tages oder tiefsitzende Spannungen zu verarbeiten. Es ist eine unbewusste Form der Stressbewältigung, die sich krampfartig über die Kaumuskulatur entlädt.
Welche physischen Kräfte wirken dabei und welche Schäden können entstehen?
Dr. Marion Venus: Die Kräfte sind enorm. Ein erwachsener Mensch kann beim nächtlichen Pressen oder Mahlen einen Druck von bis zu 80 Kilogramm auf die Kiefergelenke und Zähne ausüben. Das ist weit mehr Kraft, als wir beim normalen Kauen jemals aufwenden würden. Die Folgen für das gesamte orale System sind gravierend: Es kommt zu massiven Abrasionen der Zahnsubstanz, Zahnschmelzrisssen, Zahnverlust oder funktionellen Beschwerden des Kiefergelenks, der sogenannten Craniomandibulären Dysfunktion (CMD). Viele Betroffene bemerken es erst, wenn chronische Schmerzen im Gesicht, Kopfschmerzen oder Muskelhypertrophien auftreten.
Welche therapeutischen Ansätze empfehlen Sie als Psychologin, um Betroffenen nachhaltig zu helfen?
Dr. Marion Venus: Eine erfolgreiche Therapie muss interdisziplinär auf mehreren Säulen fussen. Die zahnärztliche Aufbissschiene ist in der Akutphase essenziell, um die Zahnsubstanz vor der mechanischen Zerstörung zu schützen. Interessanterweise ist die Schienentherapie mittlerweile sogar in den medizinischen Behandlungsleitlinien für komplexes Trauma und posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) verankert. Studien zeigen, dass sie nicht nur das Kiefergelenk entlastet, sondern über die Entspannung der Muskulatur auch zu einer signifikanten Reduktion von Albträumen und einer besseren Schlafqualität führt. Begleitend hilft Physiotherapie, um die überlastete Muskulatur gezielt zu lockern.
Ein immer grösserer Trend in der Bruxismus-Behandlung ist der Einsatz von Botulinumtoxin, besser bekannt als Botox. Viele Betroffene setzen mittlerweile auf Injektionen in den Kiefermuskel. Was halten Sie als Psychologin von diesem Ansatz?
Dr. Marion Venus: Botox ist in der Akutphase durchaus eine extrem wirksame Option, um akute Schmerzzustände schnell zu durchbrechen. Durch die Injektion in den Musculus masseter wird die Übertragung der Nervensignale blockiert und der Muskel verliert einen Teil seiner extremen Kontraktionskraft. Das bringt den Patientinnen und Patienten oft sehr rasch eine spürbare Entlastung bei Kieferschmerzen oder migräneartigen Kopfschmerzen am Morgen
Sie betonen, dass Schienen oft nur das Symptom bekämpfen. Wie sieht die Ursachenbekämpfung aus?
Dr. Marion Venus: Wenn das Knirschen psychisch bedingt ist, müssen wir an die Wurzel des Stresses gehen. Betroffene sollten – eventuell auch mit Hilfe eines Tagebuchs – beobachten, in welchen Alltagssituationen sie auch tagsüber unbewusst die Zähne zusammenpressen. Auf der psychotherapeutischen Ebene, insbesondere bei trauma- oder angstbedingtem Bruxismus, haben wir hervorragende Erfolge mit EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) oder anderen sanften, neurobiologischen Methoden. Ziel ist es, das überreizte Nervensystem dauerhaft herunter zu regeln, damit der Körper das Ventil „Kieferpressen“ schlichtweg nicht mehr benötigt.
Also versuchen die Ursache an der Wurzel packen.
Dr. Marion Venus: Genau. Die besten Ergebnisse dann entstehen, wenn die verschiedenen Relax- und Therapieansätze Hand in Hand zusammenwirken. Die Schiene schützt die Zähne, Botox oder Physiotherapie nehmen akut die körperliche Spannung und die Psychologie hilft dabei, das Nervensystem und die Seele dauerhaft zu entlasten. Wenn wir diese Ebenen kombinieren, ist niemand dem Knirschen hilflos ausgeliefert
Zur Person: Dr. Marion Venus ist klinische Psychologin und Expertin für Traumatherapie und Psychosomatik Expertin, Zertifizierte Klinische und Gesundheitspsychologin (BMGF), Luftfahrt-Psychologin, Notfallpsychologin CISM, MHP (ICISF), Pilot PPL(A), Qualitäts-, Sicherheits- und Gesundheitsmanagerin nach ISO 1901.
Venus berät unter anderem Pilotinnen und Piloten in Stresssituationen im Cockpit und arbeitet gerade an ihrem aktuellen Buch: „Die menschliche Seite der Flugsicherheit“ das im Sommer 2026 im Springer Verlag erscheint. Zudem hat sie auch einen eigenen (Podcast).


Coming soon: Dr. Marion Venus über Zahnarztangst und Traumata im Swissdentalnews Podcast
Wenn die Angst den Behandlungsstuhl beherrscht: Wege aus der Zahnarztphobie. Schweissausbrüche, Herzrasen und schlaflose Nächte vor dem nächsten Kontrolltermin – die Angst vor dem Zahnarzt ist ein weit verbreitetes Phänomen, das im Extremfall zu einer chronischen Behandlungsvermeidung führt. Im Fachgespräch erklärt die klinische Psychologin und Traumatherapeutin Dr. Marion Venus die feinen Unterschiede zwischen Alltagsnervosität, manifesten Phobien und zahnärztlichen Traumata. Zudem zeigt sie praxisnahe Lösungswege auf, wie betroffene Patientinnen und Patienten gemeinsam mit spezialisierten Praxisteams den Weg zurück zu einer angstfreien Versorgung finden können. Der Podcast zum Thema Zahnarztangst erscheint im Juli 2026 auf Swissdentalnwes.






