Schweissausbrüche, Herzrasen und schlaflose Nächte vor dem nächsten Kontrolltermin – die Angst vor dem Zahnarzt ist ein weit verbreitetes Phänomen. Dieses kann im Extremfall zu einer chronischen Behandlungsvermeidung führen. Im Fachgespräch erklärt die klinische Psychologin und Traumatherapeutin Dr. Marion Venus die Unterschiede zwischen der Angst vor dem Zahnarzt, manifester Zahnarzt-Phobie und zahnärztlichen Traumata. Zudem zeigt sie praxisnahe Lösungswege auf, wie betroffene Patientinnen und Patienten gemeinsam mit Praxisteams den Weg zu einer angstfreien Versorgung finden können. So dass für alle Beteiligten aus dem Zahnarztbesuch ein positives Erlebnis wird.
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Im Interview: Dr. Marion Venus über Zahnarztangst und Traumata
Marion Venus, nicht alle gehen mit Vorfreude zum Zahnarzt. Doch ab wann spricht man aus klinisch-psychologischer Sicht nicht mehr von einem blossen Unbehagen, sondern von einer echten Phobie?
Dr. Marion Venus: Das ist eine Frage klarer diagnostischer Kriterien. Ein gewisses Unbehagen kennen die meisten Menschen – man geht grundsätzlich einfach nicht gerne hin, es wird ziemlich sicher weh tun. Von einer manifesten Zahnarztphobie spricht man jedoch dann, wenn die Angst so übermächtig wird, dass sie den Alltag beherrscht. Betroffene leiden vor einem Termin unter massiven somatischen Symptomen wie Schweissausbrüchen, extremem Herzklopfen, Albträumen und regelrechten Horrorvorstellungen. Dies geht so weit, dass sich die Personen gar nicht mehr überwinden können, überhaupt noch eine Praxis zu betreten. Und dies selbst dann nicht, wenn akute Zahnschmerzen oder gravierende dentale Probleme vorliegen. Eine solche Phobie schränkt die Lebensqualität stark ein und muss von Fachpersonen diagnostiziert werden. Mit der Diagnose Zahnarzt-Phobie gibt es oft Möglichkeiten, eine Kostengutsprache für unterstützende Massnahmen zu erhalten.
Neben der Phobie fällt auch immer wieder der Begriff des Zahnarzttraumas. Wie grenzt sich dieses ab und wie entsteht so etwas?
Dr. Marion Venus: Ein Trauma basiert im Gegensatz zur Phobie auf einem spezifischen, Eingriff, der z. B. trotz Analgesie unerwartet sehr schmerzhaft ist, bei dem Patient:innen sich hilflos, nicht mehr sicher und ausgeliefert fühlen. Oder wenn sehr ängstliche Kinder z. B. fixiert oder festgehalten werden, ihre Angst nicht ernstgenommen wird. Das das Nervensystem ist dann chronisch in Alarmbereitschaft versetzt. Bei echtem Trauma kann es Flashbacks und starke körperliche Panik-Reaktionen geben. Die Entstehung von Zahnarztangst im Allgemeinen beginnt oft schon im Kindesalter durch die elterliche Vorbildfunktion. Wenn Kinder erleben, dass ihre Eltern hochgradig nervös oder ängstlich sind, überträgt sich diese Anspannung intuitiv, noch bevor das Kind die erste eigene Erfahrung gemacht hat.
Wenn dann in der Praxis das Gefühl des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit hinzukommt – man muss den Mund öffnen, kann nicht weg – und es kommt zu extrem schmerzhaften Ereignissen, schweren Fehlern oder unzureichender Anästhesie, kann dies ein bleibendes Trauma auslösen, das die Betroffenen oft lebenslang begleitet.
Betroffene die sich überwinden möchten, eine Behandlung anzugehen: Welches Vorgehen empfehlen Sie für den ersten Schritt?
Dr. Marion Venus: Der Schlüssel liegt in einer offenen und transparenten Kommunikation, und zwar schon bei der allerersten Kontaktaufnahme am Telefon oder per Email. Darin kann man vorab ehrlich formulieren, dass man unter grosser Zahnarztangst leidet. Man erwähnt auch welche spezifischen Probleme aktuell vorliegen und fragt am besten nach, ob die Praxis Konzepte und Erfahrung im Umgang mit dieser Problematik anbietet.
Als nächsten Schritt sollte man einen reinen Besprechungstermin vereinbaren. Das bedeutet: Der Patient sitzt beim ersten Besuch nicht direkt auf dem Behandlungsstuhl, sondern trifft das Team in einem neutralen Büroraum. Hier wird eine sorgfältige Anamnese erhoben, eventuell ein Röntgenbild zur Diagnostik gemacht und gemeinsam ein verständlicher, schrittweiser Behandlungsplan erstellt. Das nimmt den Druck heraus und gibt die Kontrolle zurück.
Welche konkreten Methoden stehen in der modernen Zahnmedizin bereit, um den Behandlungsablauf für Angstpatienten erträglicher zu gestalten?
Dr. Marion Venus: Das Spektrum ist heute glücklicherweise sehr breit. Neben der klassischen Lokalanästhesie zur Schmerzreduktion gibt es hervorragende Angebote zur psychischen Beruhigung. Dazu gehört zum Beispiel die medizinische Hypnose. Aber auch einfache Ablenkungsstrategien wie das Hören von Musik, Podcasts oder das Anschauen von Filmen während der Behandlung. Ich persönlich nutze bei meinen eigenen Zahnarztbesuchen mentale Fantasiereisen, bei denen ich mich gedanklich an einen völlig anderen Ort begebe.
Für schwerere Fälle oder grössere Eingriffe stehen zudem die Lachgassedierung, ein medikamentöser Dämmerschlaf oder eine kontrollierte Vollnarkose zur Verfügung. Wichtig ist zudem die Interaktion in der Praxis: Das Vereinbaren von klaren Stopp-Signalen, bei denen das Team die Behandlung sofort für eine Pause unterbricht, reduziert das Hilflosigkeitsgefühl massiv. Ausserdem hilft schrittweise Information, was der Zahnarzt gerade macht, wie lange das noch dauert, wann die nächste Pause gemacht wird, wie es weitergeht. Auch sollte man offen kommunizieren wie lange es wahrscheinlich noch dauert, bis alles abgeschlossen ist.
Was kann die Psychotherapie tun, wenn die Angst trotz aller zahnärztlichen Hilfsmittel zu blockierend bleibt?
Dr. Marion Venus: Wenn die Zahnarztphobie tief verwurzelt ist. Das kommt häufig bei Menschen vor, die allgemein ängstlich sind, eine schwere Kindheit hatten oder komplex traumatisiert sind. Hier ist eine begleitende psychotherapeutische Unterstützung absolut ratsam. Generalisierte Angststörungen, Zahnarzt-Phobie, komplexes Trauma betrifft etwa 15 bis 22 Prozent der Bevölkerung. Eine sehr effiziente Methode in der Traumatherapie ist EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Über eine bilaterale Stimulation, beispielsweise durch geführte Augenbewegungen, können selbst schwere Traumata und Ängste neurobiologisch verarbeitet und integriert werden. Das wenn es im eine isolierte Zahnarzt-Phobie geht, kann man diese schon nach wenigen EMDR-Sitzungen bewältigt haben. EMDR führt oft beachtlich schnell dazu, dass Patienten wieder in der Lage sind, das Trauma hinter sich zu lassen, und reguläre Zahnarzttermine weitgehend angstfrei wahrzunehmen.
Zum Abschluss noch eine Frage zur Prävention: Wie können Eltern verhindern, dass sich ihre eigene Nervosität auf die nächste Generation überträgt?
Dr. Marion Venus: Eltern müssen sich ihrer Rolle als emotionale Vorbilder bewusst sein. Kinder scannen die Reaktionen der Erwachsenen sehr feinfühlig ab. Wenn ein Zahnarztbesuch ansteht, sollte das Thema positiv oder zumindest vollkommen neutral besetzt werden. Man kann dem Kind erklären, dass der Zahnarzt hilft, die Zähne gesund zu halten, und dass es zwar mal kurz unangenehm sein kann, danach aber alles wieder gut ist. Eine rechtzeitige, spielerische Gewöhnung an die Praxisatmosphäre, ohne dass direkt ein invasiver Eingriff stattfindet, legt das Fundament für ein gesundes Vertrauensverhältnis.
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Zur Person: Dr. Marion Venus ist klinische Psychologin und Expertin für Traumatherapie und Psychosomatik. Sie ist Expertin, Zertifizierte Klinische und Gesundheitspsychologin (BMGF), Luftfahrt-Psychologin, Notfallpsychologin CISM, MHP (ICISF), Pilot PPL(A), Qualitäts-, Sicherheits- und Gesundheitsmanagerin nach ISO 1901.
Venus berät unter anderem Pilotinnen und Piloten in Stresssituationen im Cockpit. Aktuell arbeitet sie an ihrem aktuellen Buch: „Die menschliche Seite der Flugsicherheit“ das im Sommer 2026 im Springer Verlag erscheint. Zudem hat sie auch einen eigenen (Podcast).


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