Interview Klaus Müterthies

Klaus Müterthies Zahntechniker
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„Es geht nicht darum, etwas fertig zu machen, sondern den Prozess zu geniessen.“

Wo auch immer auf der Welt man sich mit Zahntechnik beschäftigt: Den Namen Klaus Müterthies hat man sicher schon einmal gehört. Müterthies’ Arbeiten, seine Vorträge sind legendär. Mit seiner Kreativität und seinem Fachbuch-Bestseller „Vier Jahreszeiten“ prägte er die Zahntechnik und wurde berühmt für seine Kunst, Frontzähne so naturgetreu nachzubilden, dass sie von der Natur nicht mehr zu unterscheiden sind.

Als wir Klaus Müterthies telefonisch erreichen, bittet er uns einen Moment am Telefon zu warten. Er ist gerade dabei, die fertig geschichtete Frontzahnkrone in den Keramikofen zu schieben. Und damit ist, bereits bevor das Interview beginnt, klar, dass hier das Alter tatsächlich nur eine Zahl ist. Müterthies ist 80 Jahre alt.

Im Laufe des Gesprächs stellen wir auch fest, dass der Zahntechniker eine charismatische Persönlichkeit voller philosophischer Bonmots und Esprit ist. Doch zurück zum Anfang:

Herr Müterthies, schön, dass Sie Zeit für uns haben. Sie sind also noch im Labor tätig?

Klaus Müterthies: Ja genau, ich bin nach wie vor aktiv in meinem Beruf als Zahntechniker tätig. Zudem arbeite ich gerade an einem neuen Fachbuch. In beidem steckt viel Leidenschaft. Diese hält mich wohl jung.

Vor vielen Jahren haben Sie das Konzept der “Vier Jahreszeiten” welches zahntechnisches Arbeiten revolutioniert hat, entwickelt. Können Sie uns mehr dazu sagen?

Mein Konzept der “Vier Jahreszeiten” basiert auf der Beobachtung, dass Zähne im Laufe der Jahre ihre Farbe und Form verändern, ähnlich wie die Jahreszeiten. Der junger Zahn verändert sich mit der Zeit – er wird sonniger, die Oberfläche wird anders. Der natürliche Alterungsprozess, wie er sich auch bei den Zähnen widerspiegelt.

Sie gelten als Ästhet. Wie wichtig ist Schönheit für Ihre Arbeit?

Ästhetik zieht sich wie ein roter Faden durch alle Lebensbereiche. Es beginnt mit Kleinigkeiten, zum Beispiel wie wichtig mir Sauberkeit und Ordnung in meinem Labor sind. Das ist bereits Schönheit, und ich finde, das ist ein Zeichen von Respekt gegenüber den Patientinnen und Patienten.

Sie betreiben in Gütersloh ein eigenes Labor, das für Schulungen und experimentelle Arbeiten genutzt wird. Wie sieht Ihr Labor aus? Beschreiben Sie es uns doch bitte mal.

Alles, was Labor ist, ist verborgen, versteckt. Mein Labor ist wie ein interessantes Künstleratelier. Das beeindruckt die Patienten. Sie sehen, dass ich in der Lage bin, wirklich etwas Besonderes für sie zu machen. Ich habe immer mehr oder weniger alleine gearbeitet, allerdings habe ich für meine Arbeitsvorbereitung 15 Jahre lang mit japanischen Kollegen an meiner Seite zusammengearbeitet.

Labor von Klaus Müterthies
Künstleratelier Labor Klaus Müterthies

Was sagen Sie zum Trend des billig hergestellten Zahnersatzes?

Der Preis ist nicht das Entscheidende, auch der Zeitdruck ist nicht das Wesentliche. Wenn ich mit meinen Patienten spreche und ihnen das erkläre, Ihnen zeige was ich für sie tue- dann haben sie alle Zeit der Welt und sind auch bereit, eventuell auf das Auto zu verzichten und stattdessen in ihre Zähne zu investieren. Alles ist Kommunikation. Am Ende geht es nicht mehr um den Preis.

Es gibt Zahntechnikerinnen und Zahntechniker die etwas mutlos geworden sind. Haben Sie einen Rat für die Jungen?

Man sollte immer auf die Form eines Zahnes achten, nicht nur auf die Farbe. Und- man muss alles machen können, ob es ein Einzelzahn oder eine Brücke ist. Man sollte in der Lage sein, die andere Seite zu kopieren und den Zahn wie den Nachbarzahn aussehen zu lassen, mit all seinen Eigenschaften in der Form, in der Oberfläche und mit den Farbgarantien. Und das entscheidende nochmals- vergessen Sie nie, dass die Form das Wichtigste ist!

Hätten Sie eine Zeitmaschine- Hand aufs Herz, würden Sie den Beruf Zahntechniker wieder wählen?

Ja das würde ich. Ich wollte zwar ursprünglich Bildhauer werden, durch Zufall bin ich in die Zahntechnik gekommen und dort bis heute geblieben.

„Nicht die Zahnfarbe- die Zahnform ist das Wichtigste.“

Was sind die tragenden Elemente Ihrer Arbeit? Das Erfolgsgeheimnis?

Es sind zwei elementare Punkte. Erstens: Es ist nicht schlecht sich unersetzlich zu machen. Zweitens: Ästhetik hat auch etwas mit Kunst zu tun. Es geht nicht darum, fertig zu sein, sondern den Prozess zu geniessen. Entscheidend ist der erste Eindruck – wenn ich den Namen des Patienten nenne, ihn im Labor freundlich empfange, vielleicht mit etwas schöner klassischer Musik im Hintergrund. Die Patientin, der Patient sieht, dass ich Kunst um mich versammle, und das fliesst auch in meine Arbeit ein. Schauen Sie sich zum Beispiel die Werbung für Porsche an – die hätten eigentlich nur die Hälfte ausgeben müssen, aber das Image, das aufgebaut wird, ist das Entscheidende.

Sie haben 5 Fachbücher geschrieben und arbeiten gerade wieder an einem neuen Buch. Können Sie etwas dazu sagen?

Ja, genau daran arbeite ich seit 3 Jahren. Das Buch heisst “Psychedelic: Die Angst des Fälschers”. Psychedelic bedeutet Bewusstseinsveränderung. Auf dem Cover ist eine Frau zu sehen, die sich gerade aus einer Zwangsjacke befreit. Wir alle leben in einer Art Zwangsjacke. Der Zahnarzt hat Angst vor dem Patienten, der Patient hat Angst vor dem Zahnarzt. Diese Ängste durchziehen unser ganzes Leben.

Wie gehen Sie mit diesen Ängsten um?

Ich versuche, diese Ängste zu leben und zu überleben. Der Patient, der neben mir sitzt und mir bei der Arbeit zusieht, hat auch Angst. Ich versuche, sie ihm zu nehmen, berühre vielleicht seine Hand, nehme Kontakt zu ihm auf. Ich spreche sehr freundlich mit ihm. Sage, vielleicht klappt es nicht beim ersten Mal, aber irgendwann klappt es.

Und wenn der Zahnarzt Angst hat?

Der Zahnarzt hat noch mehr Angst als der Patient. Stellen Sie sich vor, er hat 24 Veneers, die er einsetzen muss. Aber er muss den grossen Professor spielen. Könnte er seine Angst zeigen und sagen, ich habe Bedenken? Dann wäre der Patient vielleicht noch ängstlicher, oder auch nicht. Aber diese Ängste zu leben, zu zeigen, zu demonstrieren, das ist das Entscheidende.

Können Sie die Zwangsjacke ablegen?

Ich glaube schon. Dadurch, dass ich mit dem lebe, was ich Ihnen gerade beschrieben habe, nämlich über die Angst zu reden und zuzugeben, dass es sie wirklich gibt, kann ich die Zwangsjacke ablegen. Aber Angst hat man immer.

Man sagt, mit dem Alter kommt nicht nur die Routine, sondern auch die Gelassenheit, das Savoir-vivre.

Ja, das ist nicht ganz falsch. Aber natürlich war ich nicht immer in grosser Form. Missachtung und Ablehnung blieben mir nicht fremd. Aber es kommt immer auf die Energie an, die man gerade hat. Wir alle kennen den Begriff der Tagesform. An guten Tagen geht alles wie von selbst, alles scheint zu gelingen. Wie zum Beispiel heute. Heute ist einer dieser guter Tage.

Herzlichen Dank für das schöne Gespräch Herr Müterthies. Weiterhin viel Freude bei allem was Sie tun und noch unzählige richtig gute Tage- das wünsche ich Ihnen.

Arbeitsplatz Keramik Zahnntechniker Klaus Müterthies
Beruf als Berufung: Arbeitsplatz von ZT Klaus Müterthies

Kontakt: Willkommen – Art Oral (art-oral.com)

Beitrag Zahntechnik: Grundbildung Zahntechniker/in EFZ

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