Parodontologie
Ein Gespräch mit Prof. Dr. Anton Sculean, Klinikdirektor der Klinik für Parodontologie der Universität Bern (ZMK), über Parodontitis, Periimplantitis, moderne Therapiekonzepte – und die Überzeugung, dass Prävention der einzig wahre Schlüssel zum Erfolg ist.
Professor Anton Sculean empfängt uns an der Klinik für Zahnmedizin, Oralmedizin und Kieferchirurgie (ZMK) der Universität Bern. Sculean, Jahrgang 1964, ist Klinikdirektor, Forscher und passionierter Kliniker in einem. Wir treffen ihn an einem langen Arbeitstag, wenige Tage vor Ostern: Patienten bis 16 Uhr, Studentenkurs am Morgen, mehrere Meetings – und zwischendurch ein Podcast. Eine Begegnung mit einem Mann, der die Arbeit als sein Hobby betrachtet.
Parodontitis: eine unterschätzte Volkskrankheit
Rund ein Drittel der Bevölkerung leidet an Parodontitis – das macht sie zu einer der häufigsten chronischen Erkrankungen überhaupt. Prof. Sculean erklärt, was dahinter steckt und warum das Thema Parodontitis weit über die Mundhöhle hinausgeht.
«Ein Drittel der Bevölkerung hat eine Parodontitis. Das bedeutet, dass das Zahnfleisch blutet – das sind erste Anzeichen. Im späteren Stadium hat man eventuell Abszessschmerzen, die Zähne werden lockerer oder das Zahnfleisch geht zurück.»
Die Erkrankung beginnt mit einem bakteriellen Biofilm, der sich in den Zahnfleischtaschen festsetzt. Sobald diese Taschen eine Tiefe von 4 bis 5 Millimetern erreichen, kommen Patientinnen und Patienten mit einer gewöhnlichen Zahnbürste nicht mehr in die kritischen Bereiche. Dann ist fachliche Hilfe gefragt – sei es durch einen Spezialisten oder eine Dentalhygienikerin.
Was viele nicht wissen: Die Auswirkungen von Parodontitis beschränken sich nicht auf den Mund. Die sogenannten gramnegativen Anaerobier können über die Blutbahn in andere Körperregionen streuen und systemische Erkrankungen mit verursachen oder begünstigen.
«Man hat Interaktionen zwischen diesen Bakterien und Diabetes, einer erhöhten Frühgeburtsrate, Herz-Kreislauf-Erkrankungen – sogar rheumatoider Arthritis. Man kann die Mundhöhle nicht von den anderen Körperteilen trennen. Es ist ein System, das sehr fein miteinander abgestimmt ist.»
«Einen eigenen Zahn kann nichts ersetzen»
Wenn Patienten ihn fragen, ob es nicht einfacher wäre, alle Zähne ziehen zu lassen und auf Implantate oder Prothesen umzusteigen, hat Prof. Sculean eine klare Antwort – und einen einprägsamen Vergleich:
«Wenn Sie eine Knieverletzung haben, möchten Sie lieber, dass Ihr Knie operiert wird, oder bevorzugen Sie eine Amputation mit der besten Prothese auf dem Markt? Das ist dasselbe Konzept. Einer ist nie so gut wie der eigene Zahn.»
Das primäre Ziel der Parodontologie ist und bleibt die Zahnerhaltung. Implantate seien eine hervorragende Option – aber erst dann, wenn ein Zahn wirklich nicht mehr zu retten ist. Parodontitis und Karies bleiben die zwei Hauptursachen für Zahnverlust weltweit.
Perimplantitis: Wenn das Implantat sich entzündet
Mit der wachsenden Verbreitung von Zahnimplantaten rückt eine neue Erkrankung in den Fokus der Spezialisten: die Perimplantitis – eine Entzündung des Gewebes um das Implantat, die mit Knochenverlust einhergeht. Die Zahlen sind alarmierend.
«Fast die Hälfte der Implantatträger hat eine oberflächliche Entzündung der Schleimhaut – die perimplantäre Mukositis. Die Prävalenz der Perimplantitis liegt bei ungefähr 22 Prozent.»
Perimplantitis ist laut Sculean keine Naturerscheinung, sondern oft das Resultat vermeidbarer Fehler: falsche Implantatposition, zu wenig Knochen oder instabiles Weichgewebe rund um das Implantat, schlecht reinigbare Kronenversorgungen oder Zementreste im Gewebe. Sie entsteht durch das Zusammenspiel vieler Faktoren.
«Perimplantitis ist eine neue Erkrankung, eigentlich von den Kliniken und Zahnärzten verursacht. Weil das Implantat nicht alleine aus dem Knochen wächst – das Implantat wird immer eingesetzt. Die Zähne wachsen alleine.»
Wichtig: Perimplantitis ist deutlich schwerer zu therapieren als Parodontitis. Deshalb sei Prävention und frühzeitige Intervention entscheidend. Ohne perimplantäre Mukositis gibt es keine Perimplantitis – aber Mukositis muss behandelt werden, bevor sie sich weiterentwickelt.
CLEAN&SEAL: nicht-chirurgisch und wirksam
In der Behandlung von Perimplantitis und tiefen Zahnfleischtaschen setzt die Berner Klinik unter anderem auf das CLEAN&SEAL-Konzept von Regedent – ein nicht-chirurgisches Therapieverfahren, das in der ersten Behandlungsphase eingesetzt wird.
Dabei kommt zunächst Perisol zum Einsatz: ein gepuffertes Natriumhypochlorit, das entzündetes Granulationsgewebe in der Tasche aufweicht und die Reinigung erleichtert. Anschliessend wird mit quervernetzter Hyaluronsäure (Hyadent) das entstandene Blutkoagulum stabilisiert – die Grundlage für eine geordnete Wundheilung.
«Hyaluronsäure stabilisiert das Blutkoagulum: Ungefähr ein Molekül Hyaluronsäure verbindet rund 30 Moleküle Wasser. Im Blut sind alle Wachstumsfaktoren, die für eine Heilung notwendig sind. Durch diese Stabilisierung führt es zu einer besseren Heilung.»
Das Verfahren sei minimal invasiv und könne vom gesamten medizinischen Praxis-Personal angewendet werden.
«Das kann jeder Zahnarzt oder jede DH lernen. Man braucht dafür keinen Spezialisten. Wichtig ist, dass man das Konzept versteht und es konsequent durchführt. Immer wieder dasselbe Konzept.»
Prävention: die wichtigste Investition
Wenn es um die Zukunft der Mundgesundheit geht, ist Sculean eindeutig. Prävention beginnt im Kindesalter – am besten schon dann, wenn die ersten Zähne durchbrechen.
«Das Zähneputzen muss eine Gewohnheit werden, genauso wie Händewaschen oder Duschen. Man kann nie früh genug beginnen.»
Die Schweiz sei gut aufgestellt, betont er: Das schulzahnärztliche System, die hohe Bildung der Bevölkerung und die Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten – auch weil sie Zahnbehandlungen grösstenteils selbst finanzieren – seien wichtige Erfolgsfaktoren. Wer auf Prävention setzt, spare langfristig Zeit, Geld und Schmerzen.
«Die Patienten in der Schweiz haben ein hohes Mass an Selbstverantwortung, gerade auch weil sie vieles selber zahlen müssen. Das haben sie verstanden. Und das ist, glaube ich, ein Schlüssel des Erfolgs.»
Auf die Frage, ob Forschung künftig das Zähneputzen überflüssig machen könnte, antwortet er nüchtern, aber differenziert: Technologischer Fortschritt – elektrische Zahnbürsten mit Rückkopplungssystemen, schonendere Mundspüllösungen, Probiotika – sei interessant. Aber das Gleichgewicht des oralen Mikrobioms zu erhalten, bleibe die eigentliche Herausforderung.
«Wir können die Mundhöhle oder den Organismus nicht sterilisieren. Wichtig ist, dass das Gleichgewicht dem Gesunden immer am nächsten ist. Dann kann man ein Leben lang damit leben.»

Forschung im Dienst des Patienten
Prof. Sculeans Forschungsschwerpunkt liegt in der translationale Forschung – von der klinischen Fragestellung über das Laborexperiment zurück an den Patienten. Besonders am Herzen liegt ihm die Regeneration von Weichgewebe.
«Wir haben eine klinische Fragestellung und versuchen, diese Fragestellung im Experiment zu beantworten. Wenn sich das im Labor bewährt, testen wir es am Patienten. So entwickeln wir neue Konzepte zum Wohle des Patienten.»
Die Universität Bern sei dabei in einer privilegierten Position: Mit Labors für orale Mikrobiologie, Histologie und Zellbiologie stehe eine einzigartige Infrastruktur zur Verfügung. Die hier entwickelten Techniken zur Weichgewebsregeneration – etwa zur Deckung langer Zahnhälse – werden weltweit angewendet.
«Die Forschung sollte immer so gestaltet werden, dass das Wohl des Patienten im Vordergrund steht – und dass sie anwendbar ist. Das ist die Philosophie, die man auch der jüngeren Generation weitergeben will.»
News

Straumann: Christopher Norbye wird neuer CEO
Die Straumann Group erhält einen neuen CEO. Christopher Norbye übernimmt die Führung des Basler Dentalunternehmens per 1. Dezember 2026. Er folgt auf Guillaume Daniellot, der nach fast 20 Jahren bei S…

Medbase übernimmt Mehrheit an Ardentis
Die Medbase Gruppe betreibt rund 190 medizinische Zentren, psychotherapeutische Praxen, Apotheken und Zahnarztzentren in der Schweiz und erweitert mit der Übernahme von Ardentis ihr zahnmedizinisches …

Hunderte Jugendliche starten Lehre in Dentalberufen
Schweizweit starten rund 70’000 Jugendliche im August 2026 ihre Berufslehre. Besonders gefragt sind Berufe in Gesundheit, Betreuung und Handel. Doch auch die Dentalbranche bietet spannende Berufsfe…

Eigenbluttherapie in der Zahnmedizin
Die Eigenbluttherapie ist eine Therapieform, bei der den Patientinnen und Patienten eigenes Blut entnommen und dieses dann wieder in den Körper zurückgeführt wird. Dazu gibt es verschiedene Methoden, …

Angst auf dem Behandlungsstuhl: Wege aus der Zahnarztangst
Schweissausbrüche, Herzrasen und schlaflose Nächte vor dem nächsten Kontrolltermin – die Angst vor dem Zahnarzt ist ein weit verbreitetes Phänomen. Dieses kann im Extremfall zu einer chronischen Behan…

Zahnschmerzen in den Ferien: Warum Fliegen die Nerven reizt
Zahnschmerzen beim Fliegen und wegen der Hitze: Was hilft? Zahnschmerzen in den Ferien gehören zu den unangenehmsten Reiseerlebnissen. Aber haben Hitze, Fliegen oder das Kauen von Eiswürfeln wirkl…
