Zahntechnik 2026: «Unser Beruf braucht Sichtbarkeit»

Zahntechnik 2026
Roland Zellweger ist Inhaber eines Zahntechnischen Labors in Lenzburg mit über 20 Mitarbeitenden. Er engagiert sich zudem im Vorstand des Zahntechnikerverbands im Bereich Grundbildung. Marion Gredig hat Zellweger zum Podcast getroffen.

Roland Zellweger, du bist Zahntechniker in zweiter Generation. Dein Vater war schon Zahntechniker – lag der Beruf auf der Hand, hattest du überhaupt eine Wahl?

Das liegt tatsächlich etwas auf der Hand. Wobei wir fünf Kinder waren und mein Vater bei uns zu Hause ein Labor hatte, damals in der Garage. Das Lustige war eigentlich, dass ich das einzige Kind war, das nicht gross bei ihm im Labor bastelte – eher meine Geschwister. Erst im Teenageralter hatte ich ein frühes Zeiser-Modell entdeckt. Das war so ein bisschen meine Sackgeldaufbesserungsarbeit. Das feine Arbeiten lag mir irgendwie. Und je mehr Berufe ich angeschaut habe, desto mehr habe ich gemerkt: Warum suche ich so weit weg, wenn das Gute so nah ist. Rückblickend war es definitiv die richtige Entscheidung.

Du hast über 20 Mitarbeitende in deinem Labor hier in Lenzburg. Dabei hört man überall vom Fachkräftemangel. Wie hast du das geschafft?

Es war gar nicht die Vision, unbedingt grösser zu werden – es hat sich so ergeben. Auch durch meine guten Mitarbeiter. Von den 20 Mitarbeitenden sind sechs Lernende, und fünf meiner heutigen Mitarbeiter sind ehemalige Lernende von mir. Meine Hauptmitarbeiter kommen also wirklich aus unserer eigenen Lernwerkstatt.

Wie gelingt dir die Rekrutierung, wo viele Kollegen sagen, sie finden keine Lernenden?

Man muss investieren und die Schnupperlernenden begleiten – das ist zeitintensiv. Aber dort fängt bei mir die Rekrutierung an. Ich nehme immer zwei Lernende pro Jahr. Im Moment sind wir sechs, in zwei Jahren werden wir acht sein. Viele Kollegen sagen, sie finden keinen Lehrling. Da habe ich wirklich den Luxus, auswählen zu können und jene jungen Menschen zu nehmen, die echte Freude am Beruf haben. Die meisten, die ich ausgebildet habe, sind noch immer auf dem Beruf. Das Konzept funktioniert.

Wie viele Lernende gibt es aktuell schweizweit in der Zahntechnik?

Dieses Jahr sind es leider nur 29 – das ist ein Tiefstand. Normal wären es zwischen 40 und 50. Und wir haben zusätzlich ein grosses Problem mit Lehrabbrüchen, 20 bis 30 Prozent brechen ab. Das ist wirklich schade und muss angegangen werden. Viele Ausbildungsbetriebe bilden einfach zu wenig gut aus – das ist demotivierend für die Jungen.

Hat die Digitalisierung den Beruf attraktiver gemacht?

Ja, definitiv. Der Beruf ist vielfältiger geworden. Klar, es gibt immer noch Mitarbeiter, die am liebsten mit den Händen arbeiten – das ist nach wie vor möglich. Aber insgesamt hat sich der Beruf gewandelt und ist wirklich attraktiver geworden. Unser grösstes Problem heute ist, dass wir zu wenige Ausbildungsbetriebe haben. Vor fünf bis zehn Jahren hatten wir zu wenige Anfragen von jungen Leuten – heute haben wir keine Ausbildungsplätze mehr.

Der Lehrplan wurde zuletzt 2018 totalrevidiert. Ist er schon wieder veraltet?

Ja, wir befinden uns gerade in einer Teilrevision. Alle Lernziele und der gesamte Bildungsplan werden an die neuen digitalen Technologien angepasst. Vor allem in der Schule muss einiges passieren – der 3D-Druck ist dort noch fast gar nicht verankert im Bildungsplan. Unsere Lehrer unterrichten das bereits, aber eigentlich ohne offiziellen Bildungsplan. Das muss unbedingt angepasst werden.

Du engagierst dich auch im Verband. Seit letztem Jahr gibt es dort neue Gesichter – jüngere Gesichter. Bringt das frischen Wind?

Definitiv. Die Vorarbeit der vorherigen Kollegen war sehr gross. Aber wir wurden verjüngt – und auch erweitert. Die Statuten wurden sogar geändert, damit wir ein grösseres Team bilden können. Man sagt immer, der Verband müsste mehr machen – aber jetzt, wo ich wirklich mittendrin bin, sehe ich, was wir alles machen, und es ist wirklich nicht wenig. Man kommt bei jeder Sitzung vorwärts.

Ein zentrales Thema ist das Gehalt. Der Mindestlohn liegt bei 4’300 Franken – ist das genug?

Das ist für mich die grösste Herausforderung. Es ist mir ein grosses Anliegen, dass man als Zahntechniker gut leben soll, darf und kann. Das setzt mich als Chef vor echte Herausforderungen, weil ich meine Arbeiten so verkaufen muss, dass sich ein gutes Gehalt daraus resultieren lässt. Da kämpfe ich Jahr für Jahr. In schwächeren Jahren merkt man: Wir sind ein Dienstleistungs- und Produktionsbetrieb – das was wir produzieren, müssen wir auch verkaufen, und mit dem Ertrag müssen wir die Kosten decken.

Die Margen sind kleiner geworden, der Konkurrenzdruck grösser – auch durch Ketten. Wie spürst du das?

Ich wurde bereits von zwei Ketten angefragt, ob ich das Labor verkaufen will. Das war jeweils ein kurzes Telefonat – ein klares Nein. Aber ja, das ist ein Fakt. Ketten haben ganz andere Rabattsysteme bei den Lieferanten, weil sie grössere Mengen abnehmen. Da kann ich nicht mithalten. Und der Preisunterschied ist enorm: Eine Krone, die bei mir 600 Franken kostet, gibt es dort für 300. Die Hälfte – nicht nur 10 bis 20 Prozent.

Wie reagierst du auf diesen Preisdruck?

Mit Aufklärung. Wenn der Patient ins Labor kommt – zur Farbnahme oder nach der Einprobe –, sieht er, was dahinter steckt. Und da habe ich wirklich nur gute Erfahrungen gemacht: Wenn ich den Patienten ins Labor kriege, gibt es nachher keine Preisdiskussion. Das Dreieck zwischen Patient, Zahnarzt und Zahntechniker wird in Zukunft wichtiger werden.

Willi Geller hat das vor vielen Jahren schon gesagt: Der Patient gehört ins Labor. Lass uns nach Vorne blicken. Wie optimistisch bist Du für die Zukunft der Zahntechnik?

Ich bin sehr positiv. Ich merke, dass viele junge Menschen heute etwas Sinnvolles machen wollen. Und was ist sinnvoller, als wenn wir jeden Tag jemandem ein neues Lächeln oder neue Lebensqualität schenken – wenn sie wieder beissen, wieder kauen können. Das motiviert mich sehr. Und ich habe tatsächlich schon einen Anruf von einer Zahnarztpraxis erhalten, die kein Labor mehr findet. Das hat sich gut angefühlt.

Zum Schluss: Wie schaffst du den Ausgleich zur intensiven Arbeit?

Ich gehe mittags ins Gym – das ist wirklich mein Ausgleich, den ich mir nehme. Ich bin zwar um 7.30 Uhr im Labor, aber ich gönne mir auch mal zwei Stunden in der Mittagspause. Das habe ich lernen müssen: Ab 40 muss man ein bisschen auf sich schauen.

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