Zahnimplantat landet im Gehirn: Kann das sein?

Zahnimplantat im Gehirn Im
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Ein Fall, der kürzlich durch die Medien ging, schockierte nicht nur die Leserschaft, sondern auch die Fachwelt: Für einen Mann in der Türkei endete eine Behandlung beim Zahnarzt mit einer Notoperation am Gehirn. Der Zahnarzt habe seinem Patienten mit blossen Händen ein Implantat eingesetzt und sei dabei zu weit gegangen, zitieren Bluewin, Blick, Stern und diverse andere Medien weltweit einen Bericht der türkischen Nachrichtenagentur IHA. Kann so eine schreckliche Fehlbehandlung wirklich passieren? Wir fragen nach. Lesen Sie hier das Interview mit einer Einschätzung dieses Falles von Dr. med. dent. Marco Zeltner, Fachzahnarzt für rekonstruktive Zahnmedizin SSRD/SSO. Zeltner ist Zahnarzt in der Praxis Grimm Zahnärzte in Horgen. Er erklärt die möglichen Ursachen und was die Zahnmedizin von der Fliegerei punkto Checklisten lernen kann, um solche Fehler zu vermeiden.

In den Medien

Zahnimplantat im Gehirn Im

Ein Mann lässt sich in der Türkei ein Zahnimplantat setzten. Doch dieser Eingriff endet beinahe tödlich. Durch eine Fehlbehandlung bohrte der Zahnarzt dem 40-jährigen Patienten versehentlich eine Schraube ins Gehirn.
Der Mediziner habe dem Patienten ein Implantat einsetzen wollen. Weil das dafür benötigte Gerät defekt war, habe er das Implantat mit eigenen Händen einsetzen wollen. Doch dabei habe er die Schraube mit zu viel Kraft in den Kiefer gerammt. Dass dabei ein Knochen brach, habe der Mediziner seinem Patienten als «normal» verkauft.
Erst als die Schraube schon im Gehirn steckte, habe der Zahnarzt bemerkt, dass er einen Fehler gemacht habe, berichtet die türkische Nachrichtenagentur IHA. Der Patient überlebte nur dank einer Notoperation. Horrorbehandlung: Zahnarzt rammt seinem Patienten Implantat ins Gehirn | blue News (bluewin.ch)

Swissdentalnews: Marco Zeltner, Sie sind Zahnarzt und haben für uns diesen spektakulären und erschreckenden Fall genauer angeschaut und analysiert. Was ist ihre Experten-Meinung dazu, kann so eine radikale Fehlbehandlung überhaupt passieren, sodass ein Zahn-Implantat im Hirn landet? Wie kann so etwas passieren?

Dr. med. dent. Marco Zeltner: Der geschilderte Vorfall erscheint mir und meinem zahnmedizinischen Kollegenkreis schlichtweg unvorstellbar und klingt auf den ersten Blick wie ein schlechter Aprilscherz. Ich zweifle stark daran, dass diese Geschichte überhaupt stimmen kann. 
Es ist jedoch klar, dass beim Auftreten solcher lebensbedrohlicher Situationen, weder ein Bohrer noch das Implantat verantwortlich sind, sondern menschliches Versagen vorliegt. Dank Fortschritten in Materialien und Technologien der Zahnmedizin ist heute wissenschaftlich belegt, dass die Hauptursache für Misserfolge beim Mensch liegt. Besonders bei Wahleingriffen wie bei einer Implantation eines Implantates ist es entscheidend, diesen sogenannten ‚Human Factor‘ weitestgehend auszuschliessen. Dies kann oder soll durch den Einsatz von Checklisten geschehen, die bereits bei der Diagnosestellung und insbesondere bei der Planung und Durchführung eines Eingriffs zum Einsatz kommen. Dadurch kann ein weniger erfahrener Chirurg bzw. eine weniger erfahrene Chirurgin auch schnell feststellen, ob der Eingriff selbst durchführt werden kann oder ob an eine Person mit einer spezialisierten Expertise überwiesen werden sollte, die neben mehr Erfahrung möglicherweise auch über weitere diagnostische und planerische Hilfsmittel verfügt.

Ein Beispiel aus einer Branche, von der wir in diesem Kontext sicherlich etwas lernen können, ist die Luftfahrtindustrie, in der standardisierte Abläufe über Checklisten quasi perfekt überwacht werden.

Eine mögliche Erklärung für die Platzierung eines Implantats in einer solch schwierig vorstellbaren Position könnte das maschinelle Einsetzen des Implantats mit Geschwindigkeiten sein, wie sie beim Aufbereiten des Implantatbettes verwendet werden, was bedeutet, dass die Umdrehungszahlen um ein Vielfaches erhöht werden. Wie man ein Implantat jedoch von Hand in eine solche Position bringt, erscheint mir unerklärlich.


Swissdentalnews: Um Fehlbehandlungen zu vermeiden, welche Hilfsmittel hat man zur Platzierung von Implantaten?


Dr. med. dent. Marco Zeltner: Das entscheidendste Hilfsmittel für die Implantation bleibt zweifellos die radiologische Bildgebung. Heutzutage stehen uns für die Planung anspruchsvoller Eingriffe neben den früher üblichen 2-dimensionalen Bildern auch dreidimensionale Röntgendatensätze zur Verfügung. Diese bieten einerseits bereits äusserst präzise Vorstellung der zu erwartenden intraoperativen Situation, was bedeutet, dass wir uns besser als je zuvor auf komplizierte Eingriffe vorbereiten können. Andererseits ermöglichen uns diese Daten, die Implantation eines oder mehrerer zukünftiger Implantate mithilfe geeigneter Software bereits virtuell am Computer an die richtigen Positionen zu planen.

Durch Bohrschablonen oder navigierte Implantation können diese Positionen dann mit einer hohen Präzision in den Mund übertragen und Fehlbehandlungen vermieden werden. Dies ist vor allem bei schwierigen Situationen mit wenigen Referenzpunkten wie verbliebenen Zähnen oder komplexen anatomischen Gegebenheiten von enormem Vorteil. Und natürlich ist es unabdingbar, diese eben erwähnten Röntgenbilder nicht nur vor, sondern auch während des Eingriffs zur Überprüfung der aktuellen Position durchzuführen. Es scheint, als hätte der Chirurg unter enormem Stress gestanden, um diese entscheidende Sicherheitsmassnahme nicht ergriffen zu haben – falls dies Geschichte tatsächlich stimmen sollte.

Swissdentalnews: Wir haben auf eine Instagram eine Umfrage dazu gemacht. Fast die Hälfte unserer FollowerInnen (die meisten davon sind aus der Zahnmedizin) konnte ebenfalls nicht glauben, dass ein Zahnimplantat tatsächlich im Hirn eines Menschen kann.

Fehlbehandlung Türkei

Swissdentalnews: Die Fachleute sind, wie Sie auch sagen, uneins. Aber da die News über diese Fehlbehandlung in der Türkei von einer offiziellen Nachrichtenagentur kommt, gehen wir davon aus, dass die Meldung leider wirklich stimmt. Was kann man denn tun, damit es gar nie erst zu so einer Fehlbehandlung kommt?

In Bezug auf zahnmedizinische Fachkräfte würde ich die Frage wie folgt beantworten: Versuchen Sie, wie bereits erwähnt, den „Human Factor“ so weit wie möglich auszuschalten. Dies umfasst neben der eigenen kontinuierlicher Weiterbildung und dem Sammeln von Erfahrung auch die gezielte Schulung des Personals sowie die Förderung einer offenen Fehlerkultur, in der auch Mitarbeitende in niedrigeren Hierarchieebenen ermutigt werden, einzugreifen, wenn etwas nicht wie geplant verläuft. Checklisten vor, während und nach der Implantation sind äusserst wirksam, um Fehlerquellen zu minimieren. Vorlagen können von verschiedenen implantologischen Gesellschaften heruntergeladen werden.

Zahnarzt Marco Zeltner

Tipps für Patientinnen und Patienten von Dr. med. dent. Marco Zeltner

Für Patient*innen gilt: Lassen Sie sich nicht zu einem Eingriff drängen, der Ihnen nicht klar verständlich erklärt wurde. Dazu gehört, dass neben den Vorteilen des Eingriffs auch die Risiken und die individuelle Prognose klar erläutert werden. Wählen Sie eine Fachperson für den Eingriff, die Ihnen ein gutes Gefühl vermittelt und Kompetenz ausstrahlt. Dies muss nicht zwangsläufig eine Person mit Spezialisierung sein, aber bei einer Fachzahnärztin bzw. einem Fachzahnarzt mit einer strukturierten universitären Weiterbildung sind Sie im Bereich der Implantologie sicherlich gut aufgehoben. Eine rein finanziell motivierte Entscheidung ist in meinen Augen bei einem solchen Eingriff nicht empfehlenswert.

Marco Zeltner ist Zahnarzt bei Grimm Zahnärzte in Horgen: Home – Grimm Zahnärzte (grimmzahnaerzte.ch)

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