Eltern zahlen in der Schweiz für festsitzende Zahnspangen teils Tausende Franken mehr als nötig. Laut Recherchen des Beobachters zeigen sich gravierende Unterschiede zwischen Aufwand und Abrechnung – mit systematischen Überverrechnungen zulasten der Eltern, Zusatzversicherungen und teilweise der Invalidenversicherung.
Wird bei Zahnspangen zu viel verrechnet?
Ein Vertrauenszahnarzt schätzt, dass «jede festsitzende Zahnkorrektur durchschnittlich rund 2500 Franken zu teuer» ist. Bei einer Spange im Wert von 12’000 bis 16’000 Franken entspricht das etwa 20 Prozent Mehrkosten. Drei Zahnärzte bestätigten gegenüber dem Beobachter, dass in Schweizer Praxen regelmässig nicht korrekt abgerechnet wird. Alle wollen anonym bleiben, um berufliche Anfeindungen zu vermeiden.
Nicht zulässige Behandlungen durch Dentalassistentinnen
Der Trick liegt in der Delegation. In zahlreichen Praxen führen Dentalassistentinnen während der Kontrolle Arbeiten im Mund der Patientinnen und Patienten durch – etwa das Entfernen und Wiedereinsetzen von Bögen und Gummis. Der Zahnarzt überprüft und formt den Bogen, während die Assistentin die übrigen Schritte ausführt. Abgerechnet wird die gesamte Leistung allerdings zum Zahnarzttarif gemäss Dentotar, aktuell mit 439.20 Franken pro Stunde.
Die Medizinaltarifkommission hält fest, dass solche Tätigkeiten nicht an nicht-zahnärztliches Personal delegiert werden dürfen. «Das nicht zahnärztliche Personal hat hierfür weder eine Ausbildung noch eine Berechtigung.» Wird dennoch so abgerechnet, entspricht dies laut Kommission der «Vortäuschung falscher Tatsachen» und kann strafrechtliche Konsequenzen haben.
Millionenbeträge jährlich
Nach Schätzungen von Versicherungsärzten summieren sich diese Mehrkosten auf mehrere Millionen Franken pro Jahr die für Zahnspangen zu viel verrechnet werden. Zusatzversicherungen übernehmen oft rund 75 Prozent der Kosten einer kieferorthopädischen Behandlung, die Krankenkassen ohne Zusatzversicherung jedoch nicht. Eltern sichern sich deshalb häufig bereits im Kleinkindalter ab. In schweren Fällen trägt die Invalidenversicherung die Kosten.
Lösungsvorschläge und Reformbedarf
Ein erfahrener Vertrauenszahnarzt schlägt im Bericht vor, Dentalassistentinnen gezielt weiterzubilden. Mit einer Zusatzausbildung könnten sie einfache Tätigkeiten bei kieferorthopädischen Behandlungen legal übernehmen – zu einem reduzierten Tarif. Der derzeitige Stundenansatz für Dentalassistentinnen liegt nach Dentotar bei 146.40 Franken, vergleichbar mit Prophylaxeassistentinnen. So könnte der Gesamtpreis einer Spange um bis zu 20 Prozent sinken.
Die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft SSO zeigt sich offen für diese Idee. Sie prüft laut eigener Aussage eine Weiterbildung im Sinne einer spezialisierten Ortho-Dentalassistentin. Gleichzeitig verurteilt die SSO die unzulässige Abrechnungspraxis entschieden. Man habe von entsprechenden Vorwürfen erfahren und prüfe Massnahmen, heisst es.
