«Zähne aus der Tube? Noch lange nicht», sagt Professor Bornstein

Regeneration Zahn UZB

Zahnregeneration heute, Innovationen und Trends

Zähne, die nachwachsen. Zahnpasta aus Haaren, die Zahnschmelz reparieren. Was nach Science-Fiction klingt, sorgt derzeit in den Medien für Schlagzeilen. Jüngste Studien bei denen Keratin aus Schafhaaren zum Einsatz kam, haben international Aufsehen erregt.

Vision oder Realität? Wir haben bei Prof. Dr. med. dent. Michael Bornstein, Klinikdirektor («Oral Health & Medicine») und Head of Research am Universitären Zentrum für Zahnmedizin Basel (UZB) nachgefragt.

«Zähne aus der Tube? Noch lange nicht.»

SDN (Swissdentalnews): Herr Prof. Bornstein, wenn es um Karies geht, dreht sich fast alles um den Zahnschmelz. Warum ist dieser so wichtig – und reicht Fluorid nicht aus?

Prof. Bornstein: Zahnschmelz ist das härteste Gewebe des Körpers und der Zahn hat eine sehr komplexe Struktur mit mehreren Schichten, wobei die Zahnkrone frei aus der Gingiva herausragt und die Zahnwurzel im Kieferknochen verankert ist. Das Problem: Zähne können sich nicht selbst regenerieren. Fluorid unterstützt die Remineralisierung, das ist auch gut belegt, aber nur in frühen Kariesstadien. Zahnpasta allein ist also nicht der Schlüssel – Ernährung, Mundhygiene und regelmässige Kontrollen in der zahnärztlichen Praxis sind für die Kariesprophylaxe und -therapie genauso wichtig.

SDN: In London wurde am Kings College mit Keratin aus Schafwolle offenbar ein Durchbruch erzielt. Das aus Haaren gewonnene Pulver soll den Zahnschmelz regenerieren. Wie ordnen Sie das ein?

Prof. Bornstein: Es ist spannend, dass man versucht, neue Substanzen wie Keratin einzusetzen und das eröffnet neue Perspektiven für die Zukunft.

SDN: Heisst das, die Keratin-Zahnpasta, mit dem Schmelz aus der Tube, die mit der Zahnregeneration den Zahnarztbesuch überflüssig macht, gibt es bald im Laden?

Prof. Bornstein: Schlagzeilen suggerieren oft einen Durchbruch, aber in der Forschung geht es immer darum einzelne Puzzlesteine zusammenzusetzen und irgendwann hat man das Orchester zusammen.
Realistisch gesehen braucht es viel Zeit und auch Geld bis so etwas klinisch – also in der täglichen Praxis – verfügbar ist. Momentan lautet der Reality Check für mich: es dauert noch sehr lange.  

SDN: Aus Japan hört man von im Labor gezüchteten Zähnen und ebenfalls aus London kam kürzlich die Studie von Medikamenten, die Zähne nachwachsen lassen. Wie realistisch ist das?

Prof. Bornstein: Hier muss man differenzieren. Bei seltenen spezifischen genetischen Erkrankungen mit Zahnagenesie könnte ein Medikament tatsächlich helfen, fehlende Zähne in frühen Stadien, also beim Kind, zu entwickeln – für diese kleine Patientengruppe könnte das etwas Positives bewirken. Aber für den klassischen Zahnverlust durch Karies oder Parodontitis ist „Zähne nachwachsen lassen“ aktuell eher Science-Fiction. Es ist eine Vision – und solche Visionen sind wichtig, sie stimulieren Forschung – vor 50 Jahren war auch KI Science-Fiction, denken Sie an den Film «2001» von Stanley Kubrick – aber die Umsetzung braucht Jahrzehnte.

SDN: Lassen Sie uns das etwas konkreter anschauen, Sie haben zwei wichtige Faktoren angesprochen. Zeit und Geld. Zuerst: wie sieht denn der zeitliche Horizonte jeweils konkret aus bei Forschungsarbeiten? Wie muss man sich das vorstellen, wie lange dauert es von der Schlagzeile bis zur praktischen Anwendung?

Prof. Bornstein: Ich sage da immer: In meiner aktiven Universitätslaufbahn erwarte ich nicht, dass man im klinischen Alltag, die Zähne die einem Labor gezüchtet wurden, einer Patientin, einem Patienten einsetzen kann. Aber ich kann mir vorstellen, dass man einen Zahn aktiv stimulieren kann, sodass er regenerieren kann – aber eben, bei ganz bestimmten Patientengruppen wie bei der ektodermalen Dysplasie.

SDN: Nun zum finanziellen Aspekt: Wie steht es um die Forschungsförderung in der Zahnmedizin?

Prof. Bornstein: Im Dentalbereich ist die Finanzierung eher knapp bemessen. Grosse Geldsummen fliessen in der Medizin, wo es um Erkrankungen wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Pathologien geht. Mundgesundheit ist zwar wichtig für die Allgemeingesundheit, aber weniger systemrelevant in der öffentlichen Förderlogik. Wir sind sehr auf Industriepartner angewiesen – ohne die läuft kaum etwas. Zudem sind auch Stiftungsgelder begrenzt.

SDN: Lassen Sie uns über Produkte reden, die bereits auf dem Markt sind. Viele Zahnpasten werben mit „Repair“ oder „Schmelz erneuern“. Was sagen Sie – Marketing oder Wissenschaft?

Prof. Bornstein: Beides. Im Frühstadium funktioniert Remineralisierung tatsächlich: Das ist für Fluorid wissenschaftlich gut belegt. Neuere Ansätze wie beispielsweise Curodont Repair (vVardis) zeigen ebenfalls Wirksamkeit bei initialen Läsionen. Sobald jedoch grössere Defekte vorliegen und das Dentin betroffen ist, hilft keine Zahnpasta mehr, dann ist heute die Grenze erreicht – hier braucht es klassische und dann eben invasivere Therapien. Denn Zähne aus der Tube gibt es noch lange nicht.

SDN: Blick nach Basel: Woran forscht das UZB konkret?

Prof. Bornstein: Wir sind auf mehreren Ebenen aktiv:
– Klinisch: Wir führen grosse epidemiologische Studien durch, zum Beispiel zur Kariesprävalenz oder zur MIH (Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation). 2021 wurde dies in Basel-Stadt und -Land grossangelegt untersucht – die Daten zeigen insgesamt gute Resultate, aber auch Probleme, etwa in Ballungsräumen mit höherem Migrationsanteil oder auch bei der MIH-Prävalenz, welche wohl eher unterschätzt wird.

– Labor: Hier forschen wir an neuen antimikrobiellen Substanzen. Die Gruppe von Viktoriya Shyp untersucht ätherische Öle, die antibakteriell und antiinflammatorisch wirken könnten. Wir kennen das ja zum Beispiel von Teebaumöl. Wie man diese Öle in Spülungen oder Pasten bringt, dass sie dann im Mund wirksam werden, ist die Herausforderung. Ziel ist es, bessere Mundspülungen oder Gele zu entwickeln, da gängige Produkte wie Chlorhexidin besonders bei längerem Gebrauch relevante Nebenwirkungen haben. Denn wir sehen ja, die Menschen werden immer älter und im hohen Alter wird es immer schwieriger, mit Zahnseide und Zahnbürste korrekt und effizient zu hantieren. Also gerade bei älteren Menschen, die weniger gut putzen können, könnte das ein grosser Fortschritt sein.

– Regeneration: Hier läuft Grundlagenforschung. Am UZB selbst „züchten“ wir keine Zähne, aber wir machen auch zellbiologische Forschung an Stammzellen aus eingefrorenen Zähnen, um zu untersuchen wie diese am besten reaktiviert werden können.

SDN: Dürfen wir abschliessend eine Einschätzung von ihnen haben- wo könnte es echte Forschungs-Durchbrüche geben?

Prof. Bornstein: Zahnpasten und Mundspülungen werden sicher optimiert werden, sodass sie wirksamer und nebenwirkungsärmer sind. Auch bei Kariesbehandlungen gibt es ja seit längerem die Entwicklungen: weg vom klassischen Bohren, hin zu minimalinvasiven oder gar nicht-invasiven Verfahren, wenn man früh genug eingreift, dies auch dank besserer Diagnostik. Doch bei aller Innovation bleibt: Der Biofilm muss mechanisch entfernt werden! Auch wenn KI und neue Produkte unterstützen, oder Zahnbürsten durch KI gesteuert werden – das manuelle Zähneputzen bleibt.
Die Arbeit muss also jede/r selbst machen. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es in der Mundhygiene nicht.


Vielen lieben Dank Herr Prof. Bornstein für das Interview!
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Forschungsgebiete des UZB

Klinisch: Grosse epidemiologische Studien zu Kariesprävalenz und MIH (Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation).

Labor: Entwicklung neuer antimikrobieller Substanzen. Viktoriya Shyps Gruppe erforscht antibakteriell und antiinflammatorisch wirkende ätherische Öle für bessere Mundspülungen und Gele – als Alternative zu Chlorhexidin, das bei längerem Gebrauch Nebenwirkungen hat.

Regeneration: Grundlagenforschung mit zellbiologischen Untersuchungen an Stammzellen aus eingefrorenen Zähnen zur optimalen Reaktivierung.

Weitere Informationen zur Forschung & den Forschungsschwerpunkten am UZB:

Kontakt UZB

Prof. Dr. med. dent. Michael Bornstein


Clinical Director and Head of Research
Member of the Executive Board

UZB | University Center for Dental Medicine Basel
Department of Oral Health & Medicine
Mattenstrasse 40
CH-4058 Basel

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