Snus, Milchzahnkaries und die Kunst des Zuhörens – das waren unter anderem die Themen beim 6. Zürich Symposium unter dem Motto «Zeitenwende in der Zahnmedizin». Das Auditorium Careum ZZM der Universität Zürich war bis auf den letzten Platz gefüllt. Wir fassen einige Highlights zusammen.
Neue Rauchgewohnheiten, alte Risiken
Nach der Begrüssung von Dr. Marc Balmer, übernahm Dr. Annika Reich das Rednerpult und zeigte einen kritischen Blick auf moderne Rauchersatzprodukte wie Snus, Vapes und IQOS. «Obwohl diese bei vielen Patient*innen als harmlos gelten und gerade bei jungen Menschen sehr beliebt sind, zeigen erste wissenschaftliche Daten bereits schädliche Veränderungen der Mundschleimhaut,» so die Expertin. Der Vortrag entlarvte die Fehleinschätzung, neue Konsumformen seien gesund. Auf die Frage, welches Ersatzprodukt besser als Zigaretten sei, antwortete Reich klar: «Keines.»
Milchzahnkaries stoppen und Vollnarkose vermeiden
Ein weiteres Kernthema am Symposium war die kindgerechte Behandlung von Milchzahnkaries. Im Mittelpunkt stand das Konzept der Kariesarretierung, vorgestellt von PD Dr. Blend Hamza. Im Gegensatz zur klassischen Füllungstherapie «kann mithilfe von Lokalmassnahmen und konsequenter Mundhygiene der Verlauf von Karies gestoppt werden – vorausgesetzt, die betroffene Zahnstelle ist gut sauber zu halten,» dozierte Hamza und ergänzte: «Bei erfolgreicher Kariesarretierung verzögert, oder erspart man sogar, Kindern eine Behandlung unter Vollnarkose und den damit verbundenen Spitalaufenthalt.» Der Benefit daraus lässt sich sehen: «Die Milchzähne fallen regulär aus, die zweite Dentition mit den bleibenden Zähnen bleibt intakt, und die jungen Patient*innen erleben keine Traumatisierung durch umfangreiche Eingriffe.» Dieser Ansatz stärke die orale Eigenverantwortung und den präventiven Gedanken ab dem frühen Kindesalter.
Wenn Social Media auf Zahnmedizin trifft: Chancen und Fallstricke in der Praxis
Digitale Medien sind aus dem Praxisalltag nicht mehr wegzudenken – gleichzeitig bringen sie rechtliche und ethische Herausforderungen mit sich. Dies erläuterte Anwältin Agatha Wierzbanowski. Zahlreiche Publikumsfragen drehten sich um Social-Media-Auftritte und Patient*innenbilder – sowohl durch Praxisteams als auch durch Patient*innen selbst.
Empfehlenswert sei, so die Fachexpertin: «Alle Regelungen zur Dokumentation, Veröffentlichung und zum Fotografieren klar im Patientenblatt festhalten. So schützt sich die Praxis vor ungewollten Aufnahmen während der Behandlung, Missverständnisse und spätere Streitpunkte werden damit vermieden.»
Wierzbanowski klärte auch über die rechtliche Situation auf, wenn die Praxis selbst auf Social Media aktiv ist: «Zahnärztinnen und Zahnärzte dürfen keine Werbung machen – unabhängig von der SSO-Mitgliedschaft. Ganz fest abraten würde ich von Live-Übertragungen, zudem muss man wissen, dass das Posten von Vorher-Nachher-Bilder unter Werbung fällt, also rechtlich verboten ist.»
Bei Urheberrechtsverletzungen drohen Geldstrafen und Abmahnungen, beispielsweise bei der Verwendung von Musik in Beiträgen ohne Lizenz.
Burning-Mouth-Syndrom: Interdisziplinäre Perspektiven
Der abschliessende Vortrag stimmt nachdenklich : Eine Patientin mittleren Alters berichtete in einer minutenlangen Videobotschaft über ihre langjährige Leidensgeschichte – von anfänglichen Zahnschmerzen über das Ziehen aller Zähne und Prothesenanpassung bis hin zu anhaltenden Schmerzen der Mundschleimhaut, die den ganzen Körper betrafen und sie arbeitsunfähig machten.
Dr. Dr. Nenad Lukic und Dr. Esther Rhyn MSc illustrierten, wie komplexe Schmerzsyndrome wie das Burning-Mouth-Syndrom einen interdisziplinären Behandlungsansatz erfordern. «Nebst der zahnmedizinischen Versorgung braucht es weitere Fachrichtungen um Ursachen aufzuspüren. Ebenso sollten Familie und Umfeld aktiv beigezogen werden,» so Zahnärztin und Psychologin Rhyn. Sie zieht den Vergleich zur Onkologie wo: «ein solches Vorgehen längst etabliert und die Patientenerfahrung verbessert worden ist.»
«Viele Betroffene in der Schmerzsprechstunden berichten, dass sie sich „fallengelassen“ gefühlt haben– eine Erfahrung, die in der modernen Versorgung nicht vorkommen darf,» so Lukic. Behandler*nnen sollten gemeinsam mit Patient*innen nach individuellen Lösungen suchen, aufmerksam zuhören und gezielt den Ursachen nachgehen.
Der Vortrag unterstrich die Notwendigkeit von Empathie, interdisziplinärer Zusammenarbeit und umfassender, patientenzentrierter Begleitung bei chronischen oralen Schmerzsyndromen.
Take home message zum Thema Zeitenwende
Das Zürich Symposium spiegelte die aktuellen Entwicklungen in der Zahnmedizin wider: weg von starren Abläufen, hin zu individualisierten Therapiekonzepten – stets mit Fokus auf Prävention und Alltagsnähe. Praktische Fragen zu Social Media und Behandlungskonzepten waren ebenso gefragt wie neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Veranstaltung schärfte zudem den Blick «über den Tellerrand hinweg» – ein Gesamtpaket, das bei den Teilnehmenden auf sehr positive Resonanz stiess.
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