«Der fehlende Kaueffekt bei Trinkmahlzeiten wird zum Problem»
Schnelle Mahlzeit aus der Flasche? Die Nachfrage nach Proteinpulvern und Flüssignahrung boomt weltweit. Sie sind eine beliebte Lösung, um den Körper mit Nährstoffen zu versorgen. Doch ist diese Art der Ernährung wirklich so unproblematisch, wie sie scheint? Insbesondere für unsere Zahngesundheit birgt der Konsum von Trinkmahlzeiten Risiken, die oft unterschätzt werden. Wir haben uns mit Conny Schwiete, Präsidentin Swiss Dental Hygienists unterhalten, um herauszufinden, warum man nach einer getrunkenen Mahlzeit dennoch die Zähne putzen muss und welche Rolle der fehlende Kaueffekt spielt.
Interview: Wie Proteindrinks und Trinkmahlzeiten die Zähne beeinflussen
SDN: Frau Schwiete, der globale Proteinpulvermarkt wuchs in den letzen fünf Jahren um 35 % auf 32 Mrd. US-Dollar. Auch Trinkmahlzeiten und Ready-to-Drink-Proteindrinks wachsen jährlich bis zu 10 %, getrieben von Fitness-, Gesundheits- und Plant-Based-Trends. Alles muss schnell gehen – sogar beim Essen. Spart man sich damit auch das Zähneputzen? Schliesslich bleiben keine Speisereste?
Conny Schwiete: Das ist ein weit verbreiteter Irrtum! Auch wenn die Mahlzeit flüssig ist, gilt dieselbe Regel wie nach normalen Mahlzeiten: Zähneputzen ist wichtig! Flüssige Mahlzeiten sind oft süss oder enthalten Kohlenhydrate, die im Mund zu Zucker abgebaut werden. Diese Substanzen setzen sich genauso auf den Zähnen ab wie bei fester Nahrung und können Karies verursachen.
SDN: Welche Risiken für die Zahngesundheit birgt der regelmässige Konsum von Trinkmahlzeiten und Proteinshakes?
Conny Schwiete: Protein-Shakes oder Drinks sind nicht automatisch „gesünder“, nur weil Milch oder Eiweiss enthalten ist. Problematisch für die Zahngesundheit kann vor allem der Zuckerzusatz in vielen Proteindrinks sein. Viele fertig-Proteindrinks enthalten Zucker. Wenn das Proteinpulver Zucker enthält oder wenn man gesüsste Proteinriegel oder Proteinjoghurts konsumiert, steigt das Kariesrisiko wie bei jedem anderen süssen Produkt. Milch als Basis ist grundsätzlich neutral bis eher zahnschonend, da sie Kalzium und Phosphat enthält. Das gilt aber nur für reine Milchprodukte, nicht unbedingt für industriell hergestellte Mischgetränke.
SDN: Welche Auswirkungen hat der fehlende Kauvorgang auf die Selbstreinigung und den Schutz der Zähne?
Conny Schwiete: Das ist ein wichtiger Punkt! Flüssige Nahrung hat keinen Kaueffekt – dadurch bleiben Speichelfluss und Selbstreinigung der Zähne aus. Das ist ein grosser Nachteil, weil Speichel normalerweise Säuren neutralisiert und den Zahnschmelz schützt. Der Kauvorgang regt die Speichelproduktion an und sorgt für eine natürliche Reinigung der Zähne. Ohne diese mechanische Stimulation fehlt ein wichtiger Schutzfaktor für unsere Mundgesundheit.

Empfehlungen
Was empfehlen sie Menschen die regelmässig Trinkmahlzeiten konsumieren?
Conny Schwiete: Mein wichtigster Zahngesundheitstipp: Wer Proteinpulver verwenden möchte, sollte besser auf ungesüsste Varianten setzen und sie nicht ständig über den Tag verteilt zu sich nehmen.
Bei Flüssigmahlzeiten ist es besonders wichtig, nach dem Konsum die Zähne zu putzen – genauso wie nach normalen Mahlzeiten. Zusätzlich empfehle ich, zwischendurch zuckerfreien Kaugummi zu kauen oder den Mund mit Wasser zu spülen, um die fehlende mechanische Reinigung durch den Kauvorgang teilweise zu kompensieren. Und generell: Eine ausgewogene Ernährung mit festen Nahrungsmitteln sollte die Basis bleiben – Flüssignahrung kann eine Ergänzung sein, aber nicht die komplette Ernährung ersetzen.
Vielen Dank für das Interview Frau Schwiete!
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