Foetor ex Ore und Halitosis oder die Plage des schlechten Atems

halitosis
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Inside Dentalhygiene. Die Kolumne von Dentalhygienikerin Mafalda Philipp. Heute geht es um die Halitosis, oder besser bekannt als Mundgeruch:


Wenn der morgendliche Kuss kein Genuss mehr ist


„Ich konnte nicht anders, deshalb musste ich meine Beziehung zu ihr beenden“, sagte Paul, mein Mitt-dreissigjähriger Tischgenosse bei einer Dinnerparty. Dann ergänzte er: „Ich konnte sie wortwörtlich nicht mehr riechen. Warum roch sie morgens nur so übel aus dem Mund?“ Jeder, der in der Zahnmedizin berufstätig ist, kann es bestätigen: Da sitzt man an seinem Feierabend bei einem Glas Wein und versucht, nicht preiszugeben, was man beruflich so tut. Denn es dauert nicht lange, bis die ersten ihre Abklärungsgelegenheit erkennen und einen mit „Zahnfragen“ durchbohren. Das nennt man dann wohl Berufsrisiko.

Warum es zu Mundgeruch kommt


Ich hatte allerdings an jenem Abend schon zwei Gläschen Priorat intus und liess, mich vom männlichen 1.80m grossen Gegenüber mit Hundeblick erweichen. Gönnte mir aber noch einen Schluck Wein, bevor ich zurück in meine DH-Tagesrolle schlüpfte: „Gewiss…“, gestikulierte ich mit meinem Weinglas herum und erzählte, es gäbe allerlei Einflussfaktoren, warum es zu Mundgeruch, auch Halitosis genannt, komme. Nebst Zahn-problemen, die auch einen metallischen Geschmack verursachen können, gäbe es in unserer Mundhöhle Millionen von Bakterien. Unser Speichel funktioniert wie eine Spülmaschine unseres Mundes. Allerdings produzieren wir nachts weniger davon. Unsere Spülmaschine hat dann Nachtruhe und lässt uns mit
unseren Bakterien zurück. 8 Stunden knappe Bespeichelung heisst für die Bakterien: Sturmfrei. Diese produzieren nun „lustige“ Gase und andere Stoffwechselprodukte, die uns übel riechen lassen können: Flüchtige Schwefelverbindungen lassen deinen Atem modrig oder nach faulem Kohl riechen, biogene Amine riechen nach Fisch oder Fäkalien. Am Morgen stellt sich die Sprinkleranlage wieder an und leitet die Bakterien mit dem Frühstück in den Magen, wo sich die Magensäfte darum kümmern. Dieselben Siedler verursachen aber auch ein segensreiches Werk im Mund. Würde man die Zungenbakterien mit Antibiotika auslöschen, das haben Forscher festgestellt, stünde einer explosionsartigen Vermehrung von Pilz/Candida nichts mehr im Wege.

Die Dentalhygienikerin findet den Mundgeruch


Paul hörte mir aufmerksam nickend zu. Mein DH-Rolle-Freizeit-Einschub reichte mir allerdings und so
entschuldigte ich mich bei Paul mit einem Vino-Nachschub-Vorwand und suchte das Weite, bevor von ihm noch mehr Zahnfragen folgen konnten. Unser Riechorgan gehört zu den fünf bekannten Wahrnehmungssinnen. Gefühltes und Erlebtes werden durch sie direkt mitbeeinflusst. Die Nase erkennt, wenn mit dem menschlichen Befinden etwas nicht stimmt, und das sollte dann auch ernst genommen werden. Wir können die Riechzellen auch schärfen und als Untersuchungsinstrument nutzen. Gerade die Zahnprophylaxe ist eine gute Anlaufstelle. Ihre Dentalhygienikerin spielt gerne Nasendetektiv und geht dieser wichtigen Feststellung der Halitosis nach. Schon möglich, dass sie in einer Zahnfleischtasche oder im Zahnzwischen-raum auf eine unberührte Bakterienkolonie stößt. Oder ob bei einem Wattestäbchen-Abstrich der Mandeln, wer die noch hat, sich übelriechende Mandelsteine verbergen könnten. Ein HNO-Arzt entfernt die Speichelsteine sicher und der Mundgeruch verschwindet von einem Moment auf den anderen.


Halitosis: ein altes Thema


Glücklich, wer in der heutigen Zeit und modernster Medizin lebt und nicht in der frühen Neuzeit. Eine Rück-blende, die zum Sonnenkönig Ludwig XIV führt, zeigte zum Beispiel, wie diesen eine besondere Duftnote zierte. Dem grossen Bourbonen wurden damals alle Zähne gezogen. Wobei der Unterkiefer gebrochen und beim Ziehen der oberen Zähne ein grosser Teil des Gaumens mitgerissen wurde. Eines der Martyrien der damaligen „Ärzte“, den Lehren der Sorbonne entsprechend und das ohne Narkose. In der offenen Höhle, mit der sich der Mund des Königs zur Nase öffnete, setzten sich ständig grosse Stücke fester Nahrung fest und lösten sich erst nach Wochen unter fürchterlichem Gestank durch die Nase.

Vom Winde verweht


Der Film „Vom Winde verweht“ (1939) zeigt wohl den berühmtesten Kuss der Filmgeschichte. Als ich noch ein Teenager war, erzählte mir meine Mutter, wie Vivian Leigh gesagt haben soll, dass Clark Gable übel aus dem Mund gerochen habe und falsche Zähne hatte. Zurück am besagten Abend fand mich Paul, ein paar Cuba Libre später, wieder. Er stand nun direkt vor meinem Gesicht, musste es sogar, denn mit dem Fortschreiten der Nacht war der Lärmpegel deutlich höher geworden. Was die Verständigung akustisch erschwerte. Ich schätzte seinen Alkoholpegel deshalb so hoch ein, da von Paul nun eine deutliche Alkoholfahne kam und somit die Qual sich aus der Nähe zu unterhalten. Alkohol gehört wohl zu dem bekanntesten Auslöser. Das Bouquet wird noch
ergänzt durch Lebensmittel wie Kaffee, Zwiebeln und Knoblauch oder auch das Rauchen. Es gibt einfache Methoden, Mundgeruch zu bekämpfen.

Zungenreiniger


Bereits ein Zungenreiniger, morgens und abends kann den Zungenrücken als Quelle des Ärgernisses
von Halitosis befreien. Mit einem Tuch hält man die Zungenspitze fest und setzt den Zungenschaber beim hinteren Zungenrückenabschnitt an. Schiebt diesen dann nach vorne und wiederholt dieses dann 3-4 Mal. Beim gründlichen Zähneputzen gehört auch das Putzen des Zahnzwischenraumes. Die meisten Patienten mit Halitosis übersehen Nischen, in denen sich Keime vor den Borsten verstecken, wie eine Zahnspange oder schlechtsitzende Zahnrekonstruktionen. Die tägliche Anwendung von Zahnseide oder Interdentalraum-Bürstchen könnte vom Gestank faulen Eiern befreien. Erst bei Erfolgsresistenz lohnt es sich, dem Mythos zuzuwenden, dass der Geruch auch aus dem Magen stammen könnte. Zwar können viele organische Leiden Mundgeruch verursachen, doch kommen sie selten vom Magen.

Pfefferminzbonbons?


Tatsächlich stammt also der üble Geruch mehrheitlich aus dem Mund. Zähneputzen und Mundspülung sowie Mundsprays, Pfefferminzbonbons sorgen zwar für frischen Atem, helfen aber gegen die Faulwolken kaum, weil sie den Gestank nur für wenige Stunden überdecken und deshalb auch keine Dauerlösung sind. Naheliegend erscheint es daher, das Problem bei der Wurzel zu packen und – ruck, zuck – den Bakterien den Garaus zu machen. Ich wollte von Paul wissen, ob er denn gegenüber seiner Verflossenen gestanden habe, was ihn davongetrieben hatte. „Nein“, meinte dieser knapp. „Ich wollte sie nicht verletzen.“


Halitosis ist ein Tabuthema


Studien besagen, dass jeder zweite oder dritte jemanden kennt oder die Begegnung mit jemandem hatte, der übel aus dem Mund roch. Denjenigen diesbezüglich anzusprechen, kann Empörung und Scham auslösen. Allerdings dürften Betroffene nachträglich über den Hinweis auch froh sein. Denn wer aus dem Mund stinkt, ahnt es ja vielleicht nicht, da er sich so an seine Ausdünstungen gewöhnt hat. Und das wird dann unter Umständen zum Verhängnis. Will man sicher sein, fragt man am besten eine Person seines Vertrauens, bevor noch mehr Freunde sich von einem abwenden.

über die Autorin

DH Mafalda Philipp

Mafalda Philipp ist eidg. dipl. Dentalhygienikerin in Zürich. Sie schreibt regelmässig für Swissdentalnews Beiträge, sozusagen aus dem Nähkästchen der Dentalhygiene. Vielen herzlichen Dank für die Einblicke und Schmunzler, die uns diese Kolumne beim Lesen beschert! Auf Social Media findet man Mafalda Philipp unter Smilecare by Philipp




Schon gehört? Mundgeruch Podcast mit Professor Filippi

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